Redebeitrag des BGAA auf dem Mahngang zum Gedenken an die Novemberpogrome von 1938, Gießen 2017

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Mahngangs am diesjährigen 9. November zur Erinnerung an die sogenannte Reichspogromnacht 1938,

ich begrüße sie recht herzlich im Namen des Bündnisses gegen Antisemitismus und Antizionismus Gießen.

wir stehen hier auf dem Marktplatz, unweit der ehemaligen Judengasse. Eigentlich müsste man von Judengassen sprechen, da sie gegabelt war und in zwei parallel verlaufenden Gässchen verlief. Dadurch nahm sie ein unübliches Areal ein, denn in der Regel bestanden die Judengassen nur aus einem Straßenzug. Erstmalig erwähnt wurde die Gießener Judengasse 1573 bzw. 1578 – mit dem Verweis, dass sie bereits im 14. Jahrhundert bestanden hätte. Die topographische Lage dieser Gasse war auch deckungsgleich mit der Lage der Judengassen in anderen hessischen Städten im späten Mittelalter, wie bspw. in Marburg oder Friedberg. Dies bedeutete eine verkehrsgünstige Lage, unweit des Marktes, aber zugleich am Stadtrand gelegen. Die Judengassen bedeuteten zu dieser Zeit keine komplette Segregation der Juden. So lebten einerseits auch Christen in den Judengassen, wie auch andererseits nicht alle Juden der Stadt in den Judengassen lebten, sondern auch in anderen Teilen des Stadtgebietes.

In Gießen lag die Judengasse somit auch am äußersten Rand der Stadtbefestigung und auch zugleich in der Nähe des Markts; verbunden war sie indirekt mit der nördlich gelegenen Marktstraße (einst Kuhgasse) und dem östlich gelegenen Seltersweg bzw. Mäusburg. Im 19. Jahrhundert wurde sie, angeregt durch den damaligen Rabbiner Dr. Levi, in Rittergasse umbenannt.

Die Nähe zum Markt war für die Juden in der damaligen Zeit von großer Bedeutung, da Juden der Eintritt in Zünfte untersagt war, ebenso wie der Erwerb von Grundbesitz, der ihnen Ackerbau ermöglicht hätte. Deshalb lebten sie „vom Handel mit Waren, die zünftisch nicht gebunden waren, vom Vieh- und Getreidehandel und den Produkten des Dorfhandwerkes, vom Trödel mit Gebrauchtwaren, vom Geldwechsel und von der Pfandleihe, genauer: vom Darlehnsgeschäft gegen ein Faustpfand.“ (Deppermann). Geschäftspartner waren somit zumeist die kleinen Bauern und die Handwerker. Die Juden selbst gehörten in einer breiten Mehrheit einem Kleinbürgertum am Rande des Existenzminimums an. Jedoch wurde Juden der Zugang zum Markthandel erschwert. So kam ihnen mit der Gießener Marktordnung von 1608 ein Verbot zu, auf dem Markt Waren, die vermeintlich über ihren persönlichen Bedarf hinausgingen, für ihren Handel einzukaufen. Ebenso wurde es ihnen nur gestattet, nach 10 Uhr auf dem Markt ihre Einkäufe zu tätigen. Solche Verordnung trafen sie massiv und in ihrer Existenz.

Juden waren in Gießen – unter wechselnden Bedingungen – fast durchgängig über mehr denn 600 Jahre ansässig. Erste handschriftliche Zeugnisse von Juden in Gießen stammen von 1344, es wird daher vermutet, dass die Zuwanderung von Juden im frühen 14. Jahrhundert begonnen hat, d.h. ziemlich spät im Vergleich mit den jüdischen Zentren am Rhein, aber auch mit den Gemeinden Frankfurt, Gelnhausen, Friedberg und Wetzlar. Diese Zuwanderung fällt also in die Zeit, in der die Juden aus Frankreich und England vertrieben wurden.

Durch eine 1539 erlassene Judenverordnung erfolgte eine massive Einschränkung in religiöser, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht für die Juden überall in Hessen-Darmstadt, unter dessen Herrschaft Gießen damals stand.

Georg II. schwankte in seiner Regierungszeit ob der Duldung der Juden in den Städten Hessen-Darmstadts und ihrer Ausweisung. Durch wiederholte Ausweisungsbefehle sorgte er für eine Verunsicherung der Lage der Juden in Gießen. Dem Rat seines Vaters und dem Druck der Städte folgend verfügte sein Sohn und Nachfolger Ludwig VI. 1662 einen Ausweisungsbefehl, der alle Juden aus den Städten Hessen-Darmstadts verwies.

Die Geschichte des Judentums in Gießen – wie auch sonst fast überall in Europa – war auch immer eine Geschichte der Feindschaft, der Ablehnung und damit eine des Antisemitismus.

Für das moderne Deutschland müssen die Reichspogromnacht und die Shoah als Kulminationspunkte dieser Entwicklung gelten.

Während des Nationalsozialismus wurde in Gießen, wie auch in all den anderen deutschen Städten und Ortschaften „[d]as jüdische Leben […] ausgelöscht, die Synagogen geschändet und verbrannt. Der jüdische Besitz wurde enteignet, ‚arisiert‘. Alle Spuren des einst jüdischen Daseins in der Stadt wurden gründlich beseitigt,“ so Thea Altaras, die mit ihrem Mann Jakob maßgeblich die Jüdische Gemeinde in Gießen wieder aufbaute. Dieser beschrieb es folgendermaßen: „Seit 1942 gab es keinen Juden mehr in Gießen. […] Die alten jüdischen Friedhöfe sind die letzten Zeugnisse ehemaliger jüdischer Gemeinden in Deutschland. Es sind ‚sprechende Steine‘ einer Kultur, welche in ihrem ursprünglichen Sinn in diesem Land nicht mehr existiert.“

Dennoch – und die zitierten Thea und Jakob Altaras sind hierfür das Beispiel für Gießen – entstanden nach 1945 wieder jüdische Gemeinden in Deutschland. Doch auch nach 1945 sind diese weiterhin Übergriffen ausgesetzt. Die staatlichen Sicherheitsorgane müssen die Synagogen, die jüdischen Einrichtungen wie auch die israelischen, nahezu rund um die Uhr bewachen.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die antizionistischen Manifestationen in Gießen und vielen anderen deutschen Städten, im Sommer 2014, anlässlich des sogenannten Gaza-Kriegs, aufgrund derer sich auch unser Bündnis gegründet hat. Antisemitische Sprechchöre gellten wieder durch die deutschen Straßen, vermeintlich jüdische Menschen wurden angegriffen und es wurde – wie in Wuppertal geschehen – versucht, in diesem Zusammenhang, eine Synagoge niederzubrennen; palästinensische Jungmänner verübten dort mit mehreren Molotow-Cocktails einen Brandanschlag.

Zu einer ähnlichen Zeit, als sich in Gießen Juden und Jüdinnen ansiedelten, begann auch die Zuwanderung im etwa 100km von hier entfernten südhessischen Babenhausen; die älteste Erwähnung jüdischer Ansiedlung dort stammt aus dem Jahre 1318. 1942 wurde der Ort als „judenfrei“ gemeldet – die dort ansässige jüdische Gemeinde wurde, durch den Nationalsozialismus, durch die Shoah, ausgelöscht. Von den Juden und Jüdinnen aus Babenhausen, die die Shoah überlebten kehrte nach 1945 keiner zurück. 1953 zog die Familie Merin, der Vater Widerstandskämpfer in Polen, die Mutter, die das KZ schwerbeschädigt überstand und der 7-jährige Sohn Tony nach Babenhausen. Schon früh begegneten ihnen antisemitische Schikanen und Hetze, die sich im Laufe der Zeit immer weiter zuspitzen sollten. 1992 fuhren am Vatertag zwei Dutzend Babenhausener Jungmänner vor dem Anwesen von Tony Merin mit Traktoren auf und ab und skandierten dabei „Juda verrecke“, während sie den deutschen Gruß zeigten. 1993 lösten Unbekannte die Radmuttern an seinem Auto; etliche weitere Vorkommnisse ließen sich auflisten. Babenhauser Passantinnen brachten es auf den Punkt als sie dem ZDF ganz offen mitteilten, warum dies alles gegen Merin geschehe: „weil er ein Jude ist. Und Juden haben bei uns nicht zu suchen“. So schafften sie es 1993 dann auch Tony Merin zu verjagen – er fühlte sich seines Lebens nicht mehr sicher und flüchtete in die USA.

Den Babenhausenern reichte das offenbar nicht aus: Vor 20 Jahren, 1997, in der Nacht zum 1.Mai, also dem Tag, den die Nationalsozialisten in den Rang eines Feiertags erhoben, den Tag der nationalen Arbeit, und der seit dem 1. Mai 1933 arbeitsfrei ist, wurde sein Haus in Brand gesteckt. In den Ruinen entdeckte man antisemitische Schmierereien.

In Berlin-Spandau wurde während des Nationalsozialismus die dortige Jüdenstrasse in Kinkelstrasse umbenannt. 1985 stieß die ortsansässige FDP erstmalig eine Rückbenennung in Jüdenstrasse an. Zugleich regte sich massiver Widerstand dagegen. Nach 17 Jahren, am 1. November 2002, nach langwierigen Auseinandersetzungen, war es dann soweit, dass die Straße wieder rückbenannt wurde. Bei einem Festakt zur Umbenennung, den die FDP-Fraktion unter ihrem Vorsitzenden Bannasch veranstaltete sollte auch der damalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlins, Alexander Brenner, sprechen. Diese Rede wurde von Rufen wie u.a. „Juden raus“ und „Die Juden sind an allem schuld“ begleitet und musste schließlich abgebrochen werden.

Für das Nachleben des Antisemitismus nach 1945 sind dies nur wenige Beispiele. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Es ist festzuhalten, dass Antisemitismus nicht etwas ist, was zu historisieren, das nur auf den Nationalsozialismus einzuschränken wäre. Auch ist er nicht auf Deutschland zu beschränken – überall in Europa müssen Synagogen jüdische und israelische Einrichtungen von staatlichen Sicherheitskräften geschützt werden. Und auch über Europa hinaus ist der Antisemitismus weitläufig virulent. Er treibt sein Unwesen, wenngleich sich seine Erscheinungsformen ändern. Mit dem Beginn der Moderne ist es nicht mehr in erster Linie der antijudaistische, religiös verbrämte Antisemitismus eines Martin Luthers. Der moderne Antisemitismus agiert sich wesentlich stärker antikapitalistisch aus und fand im Nationalsozialismus und dessen Programm zur Vernichtung der Juden und Jüdinnen seine radikalste Verwirklichung. Auch wenn der Antisemitismus heute weiterhin mit diesem Bezugspunkt gedacht werden muss, hat er erneut in seiner sich ausdrückenden Gestalt Veränderungen erfahren. So ist es der Antisemitismus, der sich in Geschichtsrevisionismus und sekundärem Antisemitismus, dem Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz, ausdrückt. Es ist heute der Antisemitismus in seiner geopolitischen Reproduktion als Antizionismus, dem der Vernichtungswunsch der palästinensischen Terrorbanden als Widerstand gilt. Es ist der islamische Antisemitismus, der sich in Hass auf den Westen und in den Vernichtungsdrohungen des Iran gegen Israel, ausdrückt. Auch wenn der Nationalsozialismus militärisch besiegt wurde – sein konstitutives Element, der Antisemitismus, der auch bereits zuvor existierte und eine lange, blutige Geschichte aufzuweisen hat, dauerte und dauert auch danach weiterhin fort.

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Mahngang zu den Novemberpogromen in Gießen, 09.11.2017

Im Folgenden möchten wir gerne auf den Mahngang zur Erinnerung an die Novemberpogrome 1938 hinweisen. Beginn ist am 9. November um 18 Uhr und er wird organisiert von: Referat für Antirassismus & Antifaschismus AStA Uni GiessenStqr GießenAK44 Gießen und Studentische Initiative gegen Antisemitismus Giessen.

Mehr Informationen unter:

https://www.facebook.com/events/132782450709013/

 

Wanderausstellung „Aktion Reinhardt – Sie kamen ins Ghetto und gingen ins Unbekannte“

Im Folgenden möchten wir gerne auf eine von der Studentische Initiative gegen Antisemitismus Giessen organisierte Ausstellung über die sogenannte Aktion Reinhardt aufmerksam machen, die vom 22.- 26.10. im ak44, im Alten Wetzlarer Weg 44, und vom 30.10. – 10.11. im Antiquariat Guthschrift, in der Bahnhofstraße 26, zu sehen ist.

Mehr Informationen unter:

https://www.facebook.com/events/1919963628325939/

Zum Auftritt von Oi Polloi in Gießen

Leider haben unsere Interventionen bei dem Musik- und Kunstverein Gießen (MuK), welche den Raum für das Konzert der Band Oi Polloi zur Verfügung stellen, wie auch bei einem der größten finanziellen Förderern des MuK, der Stadt Gießen, nicht zu einer Absage des Konzerts der Band geführt. Erfreulicherweise dagegen wurden Oi Polloi, die dieser Tage ein Konzert in Oberhausen spielen sollten, unter Verweis ihrer Unterstützung von Boycott Divestment Sanction (BDS) und ihrer Weigerung, Stellung zu den Antisemitismusvorwürfen gegen BDS und die Band selbst zu beziehen, von den Betreibern des Veranstaltungsortes ausgeladen.

In Gießen jedoch wurde zu keinem Zeitpunkt von Seiten des MuK, als Mitveranstalter des Konzerts, auf unsere Bitte um eine Stellungnahme reagiert. In der Zwischenzeit schrieben wir eine Anfrage diesbezüglich an die Stadt Gießen, die vom Kulturamt erwidert worden war mit der Bitte, unsere Vorwürfe noch einmal zu präzisieren, da keine Verbindung von Oi Polloi und BDS hergestellt werden könne. Wir argumentierten, dass es seitens der Band nicht nur die verbriefte Parteinahme als Unterstützungsaufruf für BDS gebe, sondern dass auch „die Semantik der Band als ideologisch kongruent zur BDS Bewegung gelesen werden kann. Diese geistige Identität begründet sich durch den im Grunde antisemitischen Charakter jener Semantik, die sich als ‚Israelkritik‘ in einem einzigen Satz Ausdrücken wie ‚war crimes, torture, illegal occupation, ethnic cleansing & racism‘ bedient.“ (Siehe unseren ursprünglichen Brief an das MuK) Ferner beriefen wir uns auf die Entscheidung des Magistrats Frankfurt, der der Stadt München folgte und verfügte, BDS Veranstaltungen in Frankfurt keine öffentlichen Räume zur Verfügung zu stellen und in gleicher Weise an private Vermieter appellierte. Leider ergab es sich, dass das Kulturamt, das sich eine Einschätzung des Ordnungsamtes einholte, keine Handlungsoptionen, nicht einmal den Handlungsbedarf sehen konnte. Es sei eben „Punk“, wobei hinsichtlich der Vorwürfe nach Ansicht der Stadt „Aussage gegen Aussage“ stehen würden. Zudem wurden wir daran erinnert, dass der „MuK e.V. hauptverantwortlicher Ausrichter des Christopher Street Day in Gießen“ gewesen sei, so als könne der Veranstalter dadurch von jeder politischen Verantwortungslosigkeit freigesprochen werden.

Im Zuge dieses Schriftverkehrs kam uns die Stellungnahme des MuK zu, die von der Stadt angefordert worden war. Diese macht keineswegs den Eindruck einer verantwortlichen Auseinandersetzung. Nachdem die Vorwürfe gegen die Band zurückgewiesen werden, bemüht die StN teils die gleichen Quellen, die bereits von uns verwendet wurden (Interview mit KINK Records 2004, Interview Ox-fanzine 2010), und schließlich Wikipedia, um die Band vermeintlich zu rehabilitieren. In der Stellungnahme heißt es einleitend: „Einige Szenen, so auch die Punk-Szene, nutzen von jeher das Mittel der Provokation, um Aufmerksamkeit zu erregen bzw. die Leute zum Nachdenken zu bewegen“, womit wohl alles zunächst als Frage des Geschmacks erscheinen soll. Den Interviews entnehmen die Autoren daraufhin diese Aussage der Band, um die Sache abzuschließen: „Wir sind total gegen Antisemitismus und überhaupt gegen jeglichen Rassismus.“ Jakob Augstein und Jürgen Todenhöfer sagen genau das gleiche.

Um unseren Standpunkt hierzu zu erläutern, wiederholen wir, was wir bereits in unserer ersten Mail an das Kulturamt geschrieben haben:

„Das Selbstbild der Band, das in Interviews aufscheint und durch einen konsistenten Antifaschismus und den Einsatz gegen Antisemitismus geprägt sei, steht dazu in keinem Widerspruch. Es gehört zum Wesen des Antisemitismus nach 1945, dass er sich als Antizionismus fortsetzt, damit scheinbar von den Juden ablöst. Dabei wird der Kritik an Israel zumeist ein besonderer Stellenwert eingeräumt – ausgerechnet um Israel soll jeder eine Meinung haben. In einer Aussage, wie sie dem Interview im Lower Class Mag zu entnehmen ist, wonach Israel deshalb unter allen Staaten herausgegriffen und ob seiner ‚Verbrechen‘ angeklagt wird, weil es ‚da draußen‘ so viele Menschen gäbe, die diesen Staat unterstützten, ist schon die Delegitimierung des jüdischen Staates überhaupt enthalten.

Schließlich ist die immer wiederkehrende Behauptung, man würde sich mit den Argumenten seiner Kritiker auseinandersetzen, nur mit Hinblick auf dieses Selbstbild zu verstehen. Seit Jahren erhält die Band immer wieder Auftrittsverbote und grenzt sich darauf in Interviews von allen Vorwürfen ab. Das Posting, das ‚Support BDS‘ ausruft, stammt dagegen vom 19. Juli 2017.“

Damit bleibt das eigentliche Problem bestehen. Denn mit den Vorwürfen bzgl. ihrer BDS Unterstützung und der angewandten Semantik, die sich immer wieder um Begriffe wie ethnic cleansing und apartheid dreht und die Israel als rassistisches Projekt denunziert, setzten sich weder das MuK, noch die Stadt Gießen, noch die Band selbst und auch nicht ihre Fans auseinander. Letzteres wird gerade sehr deutlich an der Diskussion in den sozialen Medien um die Absage des Konzerts in Oberhausen. Auch dort genügt es scheinbar vollkommen, sich einer antifaschistischen Bewegung und deren ideologischen Prioritäten (Antifa, Tierschutz, refugees) zugehörig zu fühlen, weshalb die Band und ihre follower sich ausschließlich um den Aspekt ihrer Bezugnahmen zu der Yes-Kampagne und deren nationalistischen Tendenzen besorgt, anstatt ihr problematisches Verhältnis zu BDS offen zu diskutieren. Man hätte schließlich dort das Argument bis zum Schluss durchhalten müssen. Wo dieses Verhältnis nicht völlig an den sichtlich empörten Fans der Band vorbeigeht, gilt die „Kritik“ Israels vermutlich ohnehin zum guten Ton (solange ‚BDS‘ dabei aus der Sprache ausgeklammert wird) oder folgt notwendig aus dem antiimperialistischen Selbstverständnis, das schließlich auch die Flaggenverbrennung anderer Nationalstaaten rechtfertige.

Wirklich bedauerlich dagegen ist die Auskunft der Stadt. Es ist wenigstens ein Ausdruck besonderer Gelassenheit, die Frage nach der Delegitimierung Israels als eine der Gesinnung zu bezeichnen, allerdings wäre schon der antisemitische Charakter der Semantik, die Oi Polloi nutzen, klar zu erkennen gewesen. Gerade die vorangegangenen politischen Initiativen in München und Frankfurt haben diesbezüglich eine klare Richtlinie vorgegeben, die sich auch – was ebenfalls in unserem Brief enthalten war – auf die offizielle Arbeitsdefinition der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit beriefen. Nach dieser gilt schon „das Abstreiten des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung etwa durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen“ klar als Beispiel für zeitgenössischen Antisemitismus. Oi Polloi subsummieren den Antisemitismus dagegen in ihren Interviews und Stellungnahmen klar unter den Rassismus bzw. die allgemeine Form der Diskriminierung von Menschengruppen. Die Funktionsweise und Erscheinungsformen des modernen, postnazistischen Antisemitismus aber scheint ihnen nicht aufzugehen. Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.

Wir hätten uns sehr gefreut, wenn dieser Band in Gießen kein Raum zur Verfügung gestellt worden wäre. Soweit das Ordnungsamt befand, dass es derlei keinerlei Anhaltspunkte für eine juristische Handhabe gebe, sei es drum. Dass es aber nicht einmal eine klare Distanzierung von einem der wichtigsten Kulturvereine in Gießen sowie vom Kulturamt der Stadt Gießen von dieser Form der „provokanten Ausdrucksweise“ gab und überall die ganz konkrete Frage nach der Bedeutung eines Aufrufs zur Delegitimierung Israels – denn die „Boykottaufrufe“ von BDS-Unterstützern zielen nicht auf den ökonomischen Boykott Israels, sondern auf  eine Verschärfung des Konflikts – umgangen wurde, ist nicht nachzuvollziehen.

Brief an Musik- und Kunstverein Gießen e.V. (MuK) anlässlich des geplanten Auftritts von Oi Polloi

Anlässlich eines Festivals am 29. und 30. September soll die Band „Oi Polloi“ aus Großbritannien im MuK Gießen auftreten. Diese ist bereits desöfteren durch antizionistische Aussagen und Provokationen (wie dem öffentlichen Verbrennen israelischer Insignien – auch und gerade in Deutschland) sowie der Unterstützung der antisemitischen Boykottbewegung BDS aufgefallen.

Erst jüngst hat der Frankfurter Magistrat – erfreulicherweise – massive Schritte gegen BDS beschlossen. So sollen in Frankfurt keinerlei Räumlichkeiten oder Flächen für Aktivitäten von BDS zur Verfügung gestellt werden, ebenso sollen Vereine oder Organisationen, die die Aktivitäten von BDS unterstützen, keine Zuschüsse mehr erhalten. Dies betrifft auch städtische Räumlichkeiten und Räume von städtischen Gesellschaften; auch appellierte der Magistrat an die privaten Vermieter in der Stadt, ebenso zu verfahren. Das MuK Gießen erhält – in nicht unerheblichem Maße – Zuwendungen seitens  der Stadt Gießen.

Da erneute antizionistische Agitationen und Provokationen der Band nicht auszuschließen sind, da sie die Bühne immer wieder als Plattform nutzen um ihre antizionistische und nationalistische Position nach außen zu tragen, haben wir dem MuK Gießen den untenstehend dokumentierten Brief zukommen lassen – dies geschah am 14. August 2017, leider hat das MuK bis heute nicht dazu Stellung bezogen und wie es gedenkt mit den voraussichtlich stattfindenden Agitationen und Provokationen gegen Israel, in ihren Räumlichkeiten, umzugehen.

 

Sehr geehrte Damen und Herren des Musik- und Kunstvereins Gießen e.V. (MuK),

am 29. und 30. September findet in ihren Räumlichkeiten, An der Automeile 16, eine Veranstaltung mit dem Titel „Another world is possible! // 20 Jahre Pestpocken Festival“ statt.

Auftreten sollen dort mehrere Bands, unter anderem die Band Oi Polloi aus Edinburgh/ Schottland. Eben jene Band ist den vergangenen Jahren immer wieder damit aufgefallen, dass sie die Bühne als Plattform benutzen, um ihre antizionistische und nationalistische Haltung nach außen zu tragen.

Im Rahmen eines Konzerts von Oi Polloi in der Freiburger KTS kam es zu einer solchen antizionistischen Entgleisung – initiiert und befördert durch die Band selbst. So wurden zunächst der deutsche Nationalsozialismus und die Shoah – die systematische Vernichtung von Millionen Juden und Jüdinnen – mit dem Vorgehen des israelischen Staates gegen die Palästinenser auf eine Stufe gestellt. Das bedeutet nicht nur eine Relativierung der Shoah und des deutschen Nationalsozialismus, sondern offenbart auch den zutiefst antizionistischen und antisemitischen Kern, den dieses Anliegen in sich trägt; dieses sollte sich im Folgenden jedoch noch weiter zuspitzen. Die Band Oi Polloi, vor allem durch ihren Sänger Ruairidh MacAllen (genannt: Deek), stachelte das Publikum durch weitere Sprüche gegen Israel und dessen Regierung an. Dies kulminierte darin, dass der Sänger von Oi Polloi zu Ende des Konzerts ein von ihm vielfach verschmähtes Plakat, das zur Solidarität mit Israel aufforderte und mit einer israelischen Flagge versehen war, dem aufgehetzten Publikum übergab, damit dieses es unter lautem Beifall, verbrennen konnte.[1]

Dies war aber nur der (symbolische) Höhepunkt in einer lang anhaltenden antizionistischen Positionierung der Band Oi Polloi, die sie stets auch verbalisierten. So werden immer wieder Verteidigungsmaßnahmen seitens des israelischen Staates nicht nur als Massaker bezeichnet, sondern es wurden dem israelischen Staat ethnische Säuberungen[2] vorgeworfen.[3] Insgesamt benutzt die Band für ihre Erklärungen immer wieder Vergleiche zwischen den Methoden der Deutschen zwischen 1933 bis 1945 und den Strategien zur Sicherung der eigenen Existenz des Staates Israel. Dies gipfelt darin, dass Deek behauptet, dass die Zionisten 1941 den Nationalsozialisten ein Bündnis gegen Großbritannien anboten, um Hitler zum Sieg zu verhelfen[4].

Darüber hinaus weigerte sich die Band 2013 auf dem im norwegischen Stavanger stattfindenden Kapittel Literature & Freedom of Expression Festival aufzutreten, nachdem sie erfahren hatten, dass der israelische Botschafter in Norwegen eine kurze Ansprache auf dem Festival halten sollte. Der spezifische Grund der Absage von Seiten der Band, war, nach eigenen Angaben, die angesetzte Rede des israelischen Botschafters. [5]

Entsprechend ihrer so eingenommenen Haltung gegenüber dem Staat Israel, ruft die Band zur Unterstützung des Boycott Divestment Sanction (BDS)[6] Movements[7] sowie dem Boykott von Auftritten in Israel auf.[8] Durch diese Parteinahme für die BDS-Kampagne, macht sich die Band mit einer Gruppierung gemein, welche eine dezidiert antizionistische Ausrichtung hat und die darum auch nicht einmal bemüht ist, sich von antisemitischen Positionen zu distanzieren, umso Antisemiten und Antisemitinnen keine Plattform zu bieten[9]. Die Unterstützung der BDS-Kampagne, wie auch eine obsessive Agitation gegen den Staat Israel hat der Band schon einige Konzertabsagen in Deutschland beschert, da die Band keine Notwenigkeit sieht, sich von der BDS-Kampagne zu distanzieren. Die Bühne spielt für ihre Agitation eine sehr entscheidende Rolle, da ihnen dort die Möglichkeit gegeben wird, um ihre Sicht darstellen zu können und eine einseitige Dämonisierung Israels als Aggressor, durch nicht belegbare Anschuldigungen, hervorzubringen.

Korrespondierend dazu propagiert die Band ebenso einen schottischen bzw. gälischen Nationalismus. Dieser findet auch Niederschlag in ihren Agitationen auf der Bühne. Konsequenterweise unterstützten sie auch, zusammen mit rechtsnationalistischen Akteuren, die „Yes-Kampagne“ anlässlich des Referendums 2014 über die Unabhängigkeit Schottlands[10].

Das MuK Gießen und die dort Verantwortlichen sollten sich fragen, ob sie Szenen und Bilder, wie sie sich in Freiburg zutrugen, und die Oi Polloi bewusst produziert hat, – auch im MuK in Gießen sehen möchten. Andernfalls sollten sie sich über eine Ausladung der Band Oi Polloi Gedanken machen. Wir würden einen solchen Entschluss begrüßen, da unseres Erachtens Antizionisten, wie Oi Polloi, keine Plattform für ihre Propaganda geboten werden sollte.

Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Gießen, 14.08.2017

 

Anmerkungen

[1] https://www.kts-freiburg.org/IMG/pdf_k6-2002.pdf; in einer anderen Quelle brüstet sich in einem Interview Deek, der Sänger von Oi Polloi damit, dass Oi Polloi das Plakat selbst verbrannt hätten (http://www.ox-fanzine.de/web/itv/3686/interviews.212.html)

[2] Dass angesichts einem Bevölkerungsanteil von fast 1,3 Millionen nicht-jüdischer, arabisch-palästinensischer Israelis in Israel und der Tatsache,  dass (damit) 20% der israelische Staatsbürger nicht-jüdisch und arabisch-palästinensisch sind, man trotz allem ethnische Säuberungen fabuliert – verdeutlich einmal mehr das geschlossene antizionistische Weltbild dieser Band.

[3] http://lowerclassmag.com/2015/07/punk-war-fuer-uns-nie-sich-beliebt-zu-machen/

[4] http://www.kink-records.de/OiPolloiI.html

[5] Auf dem Facebook-Account der Band wurde dazu folgendes veröffentlicht: „We regret to announce that we are no longer appearing at the Kapittel literature & freedom of expression festival in Stavanger in Norway on Saturday since we found out that (incredibly) we were on the same bill as none other than the Israeli Ambassador! We don’t play with professional apologists for war crimes, torture, illegal occupation, ethnic cleansing & racism.“ (https://www.facebook.com/204143832251/photos/o.174382359287874/10151691299882252/)

[6] vgl. http://www.asta-hannover.de/wp-content/uploads/2016/11/BDS-Antrag-Stura.pdf

[7] siehe diesen Screenshot der Facebook-Seite vom 19.07.2017:

screenshot

[8] vgl. Interview Kink Records vom 04.01.2004 (http://www.kink-records.de/OiPolloiI.html)

[9] vgl. http://www.salzborn.de/txt/2013_Kirche-und-Israel.pdf

[10] http://dbeatbeater.com/yes-oi-polloi-special-on-scottish-independence-referendum/; https://stophatepunk.wordpress.com/2014/10/01/oi-polloi-in-goettingen/ . Konsequenterweise leugnen OiPolloi, dass es sich bei schottischen Nationalisten um „really “nationalists” at all“ handelt – es kann schließlich nicht sein, was nicht sein kann darf.

Veranstaltungshinweise

Hier drei Veranstaltungshinweise für die kommende Woche:

1. Die Doku „Auserwählt und ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa“ von Joachim Schroeder und Sophie Hafner sorgte bereits vor ihrer Ausstrahlung für etliches Aufsehen. Der Sender arte, der diese Dokumentation zusammen mit dem WDR in Auftrag gegeben hat, weigerte sich diese auszustrahlen; die Begründung dafür war u.a., dass die Dokumentation unausgewogen sei. In den Feuilletons der Zeitungen und in den Foren des Internets kam es zu breiten Diskussionen diesbzgl., obwohl bzw. gerade weil die meisten Menschen keine Möglichkeit dazu hatten, diesen Film selbst zu schauen. Daraufhin stellte bild.de die Dokumentation für 24h online (wir berichteten). Offenbar unter Zugzwang, strahlten die Öffentlich-Rechtlichen nun doch die Dokumentation aus, begleitet von einem äußerst fragwürdigen „Faktencheck“, der in der Fernsehgeschichte wohl bisherig einmalig war, und einer Talkshow, in der wieder einmal mehr von einigen der Teilnehmer dem dumpfen Ressentiment gefrönt wurde. Die Diskussion riss daraufhin verständlicherweise nicht ab, sondern wird bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt fortgeführt. Daran anknüpfen möchte das AK44 Gießen und lädt am 4. Juli dazu ein den Film und sein Gegenstand zu vergegenwärtigen, zu vertiefen und im Gespräch zu diskutieren (20 Uhr Küche für Alle* (KüfA*), 21 Uhr Diskussionsveranstaltung):
https://www.facebook.com/events/1908636606046541/

2. In Frankfurt veranstaltet Junges Forum DIG Frankfurt in Kooperation mit dem AStA Universität Frankfurt am 05. Juli einen Vortrag zum Thema „Die konformistische Revolte:
Antifeminismus, Antisemitismus und Nationalismus“. Sprechen wird Karin Stögner aus Wien. Hier geht es zum Ankündigungstext:
https://www.facebook.com/events/345260622560318

3. Ebenfalls am 05. Juli veranstaltet das Bündnis gegen Antisemitismus Marburg und die Linke Fachschaft 03 einen Vortrag mit Merle Stoever zum Thema „Antisemitismus in feministischen Kontexten“. Der Ankündigungstext findet sich unter:
https://www.facebook.com/events/105163293404157/?ti=cl